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Tecta Kragstuhlmuseum

Ein Must-see für Stuhlfans. Das Tecta Kragstuhlmuseum versammelt fast ein Jahrhundert moderner Möbelgeschichte und legt dabei den Fokus besonders auf eine Idee, die bis heute fasziniert: dem Sitzen ohne Hinterbeine. Ein Besuch in Lauenförde. 

Alvar Aalto, Aagaard Andersen, Marcel Breuer, Walter Gropius, El Lissitzky, Ludwig Mies van der Rohe, Charlotte Perriand, Jean Prouvé, Gerrit Rietveld, Mart Stam, Stefan Wewerka  — alle haben hier in Lauenförde, etwas nördlich von Kassel, ein Zuhause gefunden. Die Firma Tecta zeigt sie in der von Axle Bruchhäuser zusammengetragenen Sammlung, dem Tecta Kragstuhlmuseum, auf dem Firmengelände. Und auch das ist einen Besuch wert.

 

Architektur, Landschaft und Möbeln

Rote Stahlkonstruktionen ragen in den Himmel, filigrane Pavillons stehen zwischen Grünflächen, und auf den Spitzen der Konstruktionen schweben Stühle.
Willkommen bei Tecta
 
Wer das Tecta Kragstuhlmuseum besucht, kommt zunächst nicht in ein klassisches Museum. Die Sammlung ist Teil des Tecta-Firmengeländes und verteilt sich auf drei Hallen. Entworfen wurden sie von den britischen Architekten Alison und Peter Smithson. Dazwischen: viel Landschaft, Architektur und immer wieder Stühle. Der Ort ist dabei eng mit der Geschichte von Tecta verbunden. Seit den 1970er-Jahren produziert das Unternehmen in Lauenförde Möbel und beschäftigt sich intensiv mit den Entwürfen der Moderne. Besonders der Kragstuhl, heute besser bekannt als Freischwinger, spielt dabei eine zentrale Rolle. 
Eine Idee, viele Versuche und Antworten. Im Bild: von Mies van der Rohe, Mart Stam, Marcel Breuer und anderen

Ein Stuhl verliert seine Hinterbeine

Was heute vertraut aussieht, war vor rund 100 Jahren alles andere als selbstverständlich: ein Stuhl ohne Hinterbeine. Mart Stam, Marcel Breuer, Ludwig Mies van der Rohe und andere Designer und Architekten experimentierten in den 1920er-Jahren mit Stahlrohr und neuen Konstruktionen. Der Kragstuhl wurde zum Sinnbild einer neuen, reduzierten Formensprache. Statt auf vier Beinen steht der Stuhl auf einem Gestell, das nach vorne auskragt und unter Belastung leicht nachgibt. Das Ergebnis kennen wir heute als Freischwinger. Und wer einmal mehrere dieser Stühle nebeneinander gesehen hat, versteht schnell, warum sich Axel Bruchhäuser dieser besonderen Gattung so intensiv gewidmet hat.

Ein Familientreffen der Moderne

Die Sammlung lebt von ihren Namen – aber nicht nur. Natürlich ist es beeindruckend, Entwürfe von Walter Gropius, Marcel Breuer oder Mies van der Rohe so konzentriert an einem Ort zu sehen. Interessant wird es aber vor allem dort, wo sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdecken lassen. Wie verändert sich die Form, wenn ein anderer Konstrukteur dieselbe Idee verfolgt? Was passiert, wenn aus Stahl Holz wird? Und wann wird aus einem funktionalen Möbel ein Designklassiker? Das Museum beantwortet diese Fragen nicht mit langen Texttafeln. Man kann sie vielmehr an den Stühlen selbst ablesen. Und davon gibt es einige.

Mehr als Bauhaus

Die Sammlung beginnt bei den frühen Experimenten mit dem Kragstuhl und führt bis zu späteren Interpretationen und Weiterentwicklungen. Neben den bekannten Bauhaus-Entwürfen finden sich Arbeiten von Jean Prouvé, Charlotte Perriand, Gerrit Rietveld, Stefan Wewerka und vielen weiteren Gestaltern. Dabei wird deutlich, wie weit die Idee des Freischwingers reicht. Sie ist nicht auf eine bestimmte Epoche oder einen bestimmten Stil beschränkt. Was als konstruktives Experiment begann, wurde zu einem Prinzip, das immer wieder neu interpretiert wurde. Vielleicht liegt genau darin die Faszination des Kragstuhls: Er sieht einfach aus. Seine Konstruktion ist es nicht. 
Auch außerhalb des Museums gibt es einiges zu sehen. Das Tecta-Gelände ist geprägt von ungewöhnlicher Architektur und Kunst. Überall tauchen Stühle auf – auf Wiesen, in Gebäuden und sogar hoch oben auf Stahlkonstruktionen

Ein Museum auf dem Firmengelände

Dass sich die Sammlung direkt auf dem Tecta-Gelände befindet, macht den Besuch noch interessanter. Denn Tecta ist nicht nur Sammler, sondern bis heute Hersteller von Kragstühlen. Viele der historischen Entwürfe werden von Tecta in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Rechteinhabern beziehungsweise Nachlässen produziert. Designgeschichte, die weitererzählt wird. Statt Designklassiker lediglich zu bewahren, werden sie auch weiter produziert. 
Tecta Produkte im Showroom: fließender Übergang von Geschichte zu Gegenwart

Ein Ort für alle, die genauer hinsehen

Das Tecta Kragstuhlmuseum macht sichtbar, wie aus Details Designgeschichte entsteht. Und es zeigt, warum der Freischwinger bis heute nichts von seiner Faszination verloren hat.
 
Vielleicht ist das die schönste Erkenntnis unseres Besuchs in Lauenförde: Gute Gestaltung muss nicht laut sein. Manchmal reicht eine kleine Verschiebung – und plötzlich sitzt die Moderne anders.
 
Das Tecta Kragstuhlmuseum liegt direkt auf dem Tecta-Gelände in Lauenförde. Ein Besuch ist nach vorheriger Anmeldung möglich; Museums- und Werksführungen können ebenfalls gebucht werden. Wer den Weg ins Weserbergland auf sich nimmt, kann den Museumsbesuch mit dem Tecta Showroom und der Tecta Landscape verbinden.

Zur Website des Tecta Kragstuhlmuseums, die auch noch weitere Tipps für die Umgebung bereithält. 
 
Bildnachweis: Innenaufnahmen ©Claudia Warneke Fotografie
 

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